Tagesseite
Briefgold über den Terminator. Zweimal im Jahr, in der Nähe der Sommer-und der Wintersonnenwende, steht die Umlaufbahn der Raumstation ISS fast parallel zum Terminator – die unscharfe Trennlinie zwischen Tag und Nacht auf der Oberfläche der Erde. Für einen Zeitraum von etwa einer Woche leben die Astronauten in scheinbar endloser Dämmerung, weder im Tageslicht noch in der Nacht. Die Bahn der ISS folgt dem Terminator, so dass dieRaumstation ständig sonnenbeschienen ist und die Sonnenkollektoren optimal ausgenutzt werden. Aber die Nacht ist nicht wirklich dunkel, und der Tag wird beleuchtet durch goldene Strahlen der Sonne, die im extrem niedrigen Winkel abgelenkt werden. Das geographische Relief der Erde wirft lange Schatten, und vermittelt krasse Gegensätze. Kleine Wellen in Sanddünen machen kontrastreiche Streifen über dem hellen Wüstenlandschaft, die wie der Weg der Natur Zeichnen mit Feder und Tinte zu suchen. Das Auge und der Geist spielen einem mit – Tricks und Täuschungen. Zuerst sieht man riesige Täler als tiefe Narben. Blinkt man mit den augen und plötzlich ist es eine geriffelte Beule. So beschreibt es Donald Pettit, einer der amerikanischen Austronauten, die auf der ISS stationiert sind. Gewitter werfen Schatten, die aussehen als kämen sie von einer neuartigen Strahlenwaffe aus Star Trek. Flugzeuge, deren Weg durch lange Kondensstreifen markiert wird, hinterlassen schimmernde Linien wie Schnecken im Morgentau. Die grünen Flächen – die Wälder der Erde – scheinen einen Befall von Schnecken zu haben. Der Mond verschwindet auf eigenartige Weise. Von diesem Aussichtspunkt bewegt er sich nahezu parallel zum Horizont. Er nahm fast den ganzen Orbit ein.
Nachtseite
Die Nachtseite ist nicht minder faszinierend! Die Atmosphäre am Rande des Sichtfeldes leuchtet in einem elektrisierenden Blau. Es sieht aus wie eine Szene aus einem Van Gogh Gemälde. Die unterschiedlichen Biosphären der Erde werden in unterschiedlichen Blautönen, mindestens fünf, sichtbar. Gleich hinter dem Terminator sieht man Sonnenstrahlen, die den verdunkelten Horizont der Erde projizieren. Eine wunderschöne Silhouette. Der auffälligste Aspekt der Atmosphäre ist allerdings nciht die Palette an Blautönen aber die scheinbare Zerbrechlichkeit des Ganzen. Unsere Atmosphäre ist ein durchsichtiger Schleier, dünn, zerbrechlich, transparent und das Einzige, was uns vor dem rauen Vakuum des Weltraums schützt. Zu viel Atmosphäre und der Planet erstickt, zu wenig und die Erde ist der Kosmos hilflos ausgeliefert.
Schönes Sternengucken mit Briefgold.
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